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Alevi Toplumu-Alevitische Gemeinde

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Die Wüste Kerbelas

Es war der erste Tag des Muharrem Fastens. 

Ayten brachte die Tüten (lokma) in die Küche und wendete sich wieder zur Tür.

Sie holte die restlichen Einkäufe aus dem Auto und blieb diesmal an der Türe stehen.

Drei Mal küsste sie den Türrahmen und betrat das Gemeindehaus (Cemevi), ohne die Türschwelle zu berühren.

Sie war seit Jahren in diese Alevitische Gemeinde, doch dies praktizierte sie zum erstem Mal.

Das Küssen der Türrahmen eines Gebetshauses, einer Gemeinde, eines heiligen Raumes oder einer Grabumrandung gehört zu den Zeremonien des Alevitentums.

Ayten schaute sich die Bilder im Gemeindehaus an.

Es waren die Bilder von den vielen Heiligen, genauso Bilder, die den Glauben darstellten.

Die liturgische Musik, die leise im Hintergrund spielte, erfüllte sie mit Ruhe und Ausgeglichenheit.

Es waren noch drei Stunden bis zum Fastenbrechen.

Ayten ging in die Küche und räumte den Einkauf ein.

Sie widmete sich ihrer Arbeit.

Die Musik im Hintergrund regte sie zum Denken an.

Sie dachte über die Fastenzeit, über das Massaker in Kerbela nach.

„Wenn die Menschheit nur verstehen würde was das Fasten und die Trauer bedeutet und welche Wirkung sie auf unsere heutige Zeit hat… „dachte sie.

„Die Welt wäre ein Ort voller Frieden, Harmonie und Einigkeit.

Leider herrscht politische und religiöse Gewalt, es wird unterschieden nach Geschlecht, Farbe, Minderheit und Rasse.

Kurzum, das Massaker in Kerbela wird auf eine andere Art fortgesetzt.“ 

Während sie in Gedanken war kam Deniz. 

Er legte seine Gaben in die Küche und begrüßte Ayten, die gerade mit dem Staubsauger durch die Räume ging. 

Ayten freute sich ihn zu sehen.

Deniz war ein sehr gläubiger, aktiver und praktizierender Alevite.

Er war 30 Jahre alt und gehörte zu den Gründern des Gemeindehauses.

Langsam kamen andere Mitglieder in das Gebetshaus.

Die Zufriedenheit ihrer Seelen war in ihren Gesichtern zu lesen. 

Es lebten mehr als 15.000 Aleviten in der Stadt.

Es gab nur wenige, die ihren Glauben praktizierten und nur einige, die Interesse am Geschehen zeigten.

Ayten und ihre Freunde besuchten diese Menschen und versuchten sie davon zu überzeugen, das Gemeindehauses zu besuchen und an ihrem Glauben festzuhalten. 

Sie erzählten von geistlichen Werten, vom Sinn des Alevitentums.

Leider hatten sie damit weniger Erfolg.

Heute, am ersten Tag des Muharrem Fastens, versandte Deniz 600 Kurznachrichten und erinnerte die Gemeinde an die Fastenzeit und lud sie zum Fastenbrechen ein.

Die Zeit des Fastenbrechens rückte näher.

Ayten zählte, es waren insgesamt 17 Personen im Gemeindehaus.

Deniz holte die Kerzen.

Alle saßen sich an den Tisch.

Deniz sprach ein Gebet auf zündete die Kerzen an.

„Im Namen Gottes (Bismişah Allah Allah),

Möge Gott unser Fasten anerkennen, unsere Gaben segnen, unsere Wünsche erfüllen.

Möge Gott unsere Gebete erhören, unser Fasten zu Ehren der Ehlibeyt, der 12 Imame, der 14 Unschuldigen, der 17 Umgürteten und der 40 Heiligen annehmen.

Mögen die Seelen aller Kerbela Opfern und Heiligen in Frieden ruhen.

Möge Gott uns vor allen Gefahren schützen, uns vor Unheil, vor Unfällen und Naturkatastrophen bewahren.

Er möge uns Gesundheit, Frieden, Zufriedenheit, Zusammenhalt und Erfolg bescheren.

Im Namen der Weisheit (Gerçeğe Hü!)

Nach dem Gebet aßen sie zusammen.

Es gab Suppe, Reis, Salat, Buttermilch und Tee.

Die Fastenzeit ist gleichzeitig eine Trauerzeit, in der die Mahlzeit nicht üppig und opulent, sondern nur zur Sättigung diente.

Anschließend nahm Onur seine Langhalslaute (Bağlama) in die Hand und sang ein Trauerlied (Mersiye).

Alle hörten ihm zu.

Erkan sprach: “Heute ist der erste Tag des Muharremfastens.

Es ist nicht nur eine Fastenzeit.

Darüber hinaus geben uns die 12 Tage die Gelegenheit, uns mit dem Glauben auseinander zu setzen, uns zu vertiefen und die Tage bewusst zu durchleben.

Wir nehmen den ersten Fastentag zum Anlass und werden versuchen, den Sinn dieser Zeit zu erklären.

Anschließend können wir uns darüber unterhalten, was meint ihr?”

Alle stimmten zu.

“Ich sagte vorhin, dass die 12 Tage weitaus mehr als nur eine Fastenzeit ist.

Wer kann uns dazu etwas sagen?”

Erkan schaute Ayten an, automatisch auch alle anderen.

“Kannst Du uns beschreiben, was denn diese Tage ausmachen?”

“Gerne” sagte Ayten und fing mit ihrer Erklärung an “Wie jedem bekannt ist, fallen die 12 Tage auf den ersten Monat namens Muharrem des Hicri Kalenders.

Bereits der Prophet Adam hat in dem Monat gefastet, auch der Prophet Muhammed und alle anderen haben sich dem angeschlossen.

Widerum trauern wir in dieser Zeit zu Ehren Imam Hüseyin und den 12 Imamen.

Daher heißt die Zeit auch Yass Muharrem, sprich Muharrem-Trauer.

Es ist eine Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen, w. B. auf die innere Einkehr, auf die Verhaltensweise und auf das Benehmen.

Wie schon Hacı Bektaş Veli zu sagen pflegte, seine Begierden zu  zähmen und zu zügeln.

Wir Aleviten zeigen damit auch unsere Liebe und Zuneigung zu Imam Hüseyin und zur Prophetenfamilie.

Das Böse wird mit dem Tyhrann Yezid verbunden und verflucht.

Ich möchte noch erklären, wann wir fasten, wie wir fasten und was wir dabei alles beachten. 

Gezählt werden 20 Tage beginnend am 1. Tag des Opferfestes. 

Am 20. Tag bzw. Abend beginnt die Fastenzeit.

Wir beten und wünschen uns die Kraft, unser vorhaben mit Gottes Hilfe zu meistern.

Gefastet wird in der Zeit zwischen Sonnenaufgang- und untergang.

Es wird weder gegessen noch getrunken.

Erst bei Sonnenuntergang wird das Fasten beendet.

Innerhalb dieser 12 Tage werden keine Feiern, Hochzeiten, Verlobungen und ähnliche Vergnügungen abgehalten.

Es ist eine Trauerzeit. 

Wir teilen Imam Hüseyins Leid, spüren die Bluttropfen von Celal Abbas in unser Herz sickern.

Wie können wir je seelenruhig feiern!

Es wird keine Form von Fleisch verzehrt oder Tiere geschlachtet.

Auf reines Wasser wird verzichtet, um das Massaker in Kerbela nachzuempfinden.

Getränke wie Tee, Kaffee, Buttermilch, süße Getränke sind erlaubt, um die körperliche Funktion zu erhalten.

Außerdem legen wir viel Wert auf Hygiene und Sauberkeit.

Während der Zeit passen wir auf, dass wir Menschen aus anderen Glaubensrichtungen damit nicht beinträchtigen.

Am 12. Tag der Fastenzeit wird zu Ehren der Märtyrer von Kerbela und der 12 Imamen die Aşure Süßspeise gekocht.

Diese besteht meistens aus 12, oder mehr Zutaten.

Damit wird die Fastenzeit beendet.

Wir Aleviten fasten ohne Druck und Zwang.

Es kommt aus dem Herzen und basiert auf Freiwilligkeit.

Das ist meine Erklärung zur Fastenzeit”.

Mit diesen Wörtern beendete Ayten ihre Rede.

“Liebe Brüder und Schwester, wie Ayten schon sagte, es ist eine Trauerzeit.

Es ist keine klassische Fastenzeit.” sagte Erkan.

“Leider verstehen viele den Sinn und Zweck nicht, auch die jenigen, die Gläubig sind.

Öfters müssen wir uns anhören, dass wir eine Gruppe von zurück gebliebenen sind, die den Arabern nach 1500 Jahren immer noch nachtrauern.

Wir werden deswegen verurteilt.

Eins steht fest; wenn diese Menschen richtig deuten könnten, würden sie sich uns anschließen.

Wir weinen nicht um den Krieg zwischen den Arabern seinerzeit, wir trauern nicht darum.

Wir wissen, dass Imam Hüseyin keine Machtkämpfe führte.

Wir weinen um Imam Hüseyin, der die Gerechtigkeit, den Mut, die Schönheit, den Glauben, den Glaubensweg symbolisier.

Wir verfluchen Yezid im Namen aller Bösen, aller Ausbeutungen, aller Ungerechtigkeiten und aller Machtgier.

Wir verfluchen das Böse und segnen das Gute.

Was ist verkehrt daran?

Was ist schlimm daran, Gottes Weg zu gehen und daran zu glauben?”

Onur nahm wieder seine Langhalslaute zur Hand und sagte “Das erste Trauerlied habe ich alleine gesungen.

Jetzt singen wir zusammen.”

Alle standen auf und nahmen sich an der Hand.

Sie sangen das Lied “Heute ist der Tag der Trauer gekommen” (Bugün matem günü geldi).

Ayten machte dabei ihre Augen zu.

Die Stimmen wurden immer leiser.

Sie entferne sich von Zeit und Raum.

Plötzlich war sie in Kerbela, mitten in der Wüste.

Sie stand abseits und beobachtete Imam Hüseyin und seine Weggefährten.

Yezids Heer hatten sie umzingelt.

300 m weiter hörte man den Fluss Euphrat (Fırat).

İmam Hüseyin beobachtete die Truppe Yezids.

Ayten erkannte sie alle.

Das ist Mutter Zeynep, die Schwester von İmam Hüseyin. 

Mit all ihrer Erhabenheit und Schönheit versuchte sie den Menschen etwas zu erklären und beobachtete nebenei ihren Bruder.

Zeynel Abidin, der Sohn von Imam Hüseyin, lag krank im Schatten der Zelte.

Es war sehr heiß aber er frohr.

Zeynep deckte ihn zu.

Celal Abbas kontrollierte seine Waffen.

Er war selbstsicher, ohne Sorge und Angst vor den vielen Soldaten.

Ali Asker, das Baby von Imam Hüseyin und Şehriban, lächelte um sich.

Auf den anderen Seite waren die Tyrannen mit ihren blutrünstigen Gesichtern, die sich durch den Sieg Belohnungen und Kriegsbeute erhofften.

Nur einer sah anders aus.

Das war sicherlich Hürşehit, der erster Märtyrer von Kerbela dachte sich Ayten.

Alles lief wie in einem Film ab.

Doch dies war nicht aus einem Film entnommen, sie war mittendrin.

Ayten wollte zu Imam Hüseyin und seinen Weggefährten und mit ihnen kämpfen, sie wollte Wasser aus dem Euphrat schöpfen aber sie konnte sich nicht bewegen.

Ihre Füsse waren tief in den Sand der Wüste eingegraben.

Sie konnte ihre Tränen nicht zurück halten, sie sang Klage- und Trauerlieder.

Sie war mitten im Schlachtfeld und sah, wie Celal Abbas zum Euphrat ritt und wie die Soldaten seine Arme mit einem Schwert trennten.

Sie sah, wie die Weggefährten bei der Schlacht einzeln fielen.

Imam Hüseyin schaute ernst und die Mutter Zeynep und die anderen klagten und schrien von Leid.

Ayten erlebte alles hautnah.

Imam Hüseyin rief die Soldaten nochmal zur Vernunft auf.

Er erwähnte Gott und Gottes Weg aber die Soldaten setzen kein Schritt zurück.

Letztlich nahm Imam Hüseyin seinen Sohn Ali Asker, dessen Lippen vor Durst aufgesprungen waren, hob ihn die Luft und ermahnte erneut die Soldaten.

Doch die Tyrannen schossen mit Pfeile und trafen den Sohn des Imams am Hals.

Es war ein schrecklicher Augenblick.

Das Blut spritze durch die Luft Richtung Himmel.

Ayten meinte, ein Tropfen abgekommen zu haben.

Sie wollte nicht sehen, wie Imam Hüseyin fiel und versuchte die Hände vor die Augen zu halten.

Aber sie konnte sich nicht bewegen.

Mit letzter Kraft versuchte sie dem zu entkommen und schloss ihre Augen.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, war sie im Gemeindehaus und sang mit den anderen Mitgliedern die letze Strophe des Trauerlieds.

Plötzlich war es ruhig.

Erkan schaute sich um und  wollte etwas sagen.

Dann richtete es seine Blicke auf Ayten “Du hast Blut an deiner Wange Ayten.”

Ayten zuckte zusammen.

Sie fasste an ihre Wange und ging in die Toilette.

Sie spürte den Sand in ihren Schuhen.

Remzi Kaptan

 


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