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Alevi Toplumu-Alevitische Gemeinde

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Dilan und  der Semah Tanz

"Dilan, mein Schatz, ich weiß Du willst nicht unbedingt beim Semah Kurs mitmachen.

Du musst wirklich nicht, wenn Du nicht willst.

Ich werde nicht traurig sein.

Ich persönlich rate dir, es einmal zu  versuchen".

"Ich werde hingehen Mama.

Wenn es mir aber nicht gefällt, werde ich nicht mehr hingehen, das du es weißt.

Du darfst nicht traurig sein, einverstanden?"

" Natürlich, mein Schatz.

Wie gesagt, wenn Du nicht willst, musst Du nicht."                                                                              

Nach dieser Unterhaltung umarmte Dilan ihre Mutter und küsste ihr die Haare "Meine hübsche, verständnisvolle Mama.

Du bist meine Königin."

Lachend ging sie in ihr Zimmer.

Şehriban sah ihrer Tochter hinterher; wie groß und hübsch sie geworden ist.

Wie die Zeit verging.

Sie war stolz auf ihre Tochter.

Şehriban hatte mit viel Mühe und Kraft ihre Kinder gross gezogen.

Sie hatte versucht, ihren Kindern den Glauben und die richtigen Weg zu vermitteln.

Ihr Mann starb an einem Arbeitsunfall,  kurz nach dem sie in die Großstadt zogen.

Seit dem war sie alleine und musste sich um alles kümmern.

Im Vergleich zu ihrem Dorf war die Stadt voller Gefahren und Probleme.

Es war ein harter Überlebenskampf in der Fremde.

Şehriban hat es geschafft, ihre Kinder ohne Hilfe grosszuziehen.

Jeder Mensch empfindet den Schmerz anders.

Niemand kann in die Gefühlswelt des Anderen sehen.

Daher weiß auch niemand, wie es in Şehriban aussah.

Trotz den Schwierigkeiten gab sie ihren Glauben nie auf.

Sie betete ständig zu Gott, bat um Hilfe,  Böses und Schlechtes aus ihrem Leben zu beseitigen.

Dilan war ihr jüngstes Kind.

Sie war noch in ihrem Bauch, als ihr Vater starb.

Für Şehriban war ihre Tochter etwas Besonderes.

Sie versuchte stets mit ihr behutsam umzugehen.

Dilan liebte das Leben in der Stadt und ließ sich von dem modernen Leben blenden.

Sie kannte ihre Tochter und vertraute ihr.

Dennoch hatte sie ihre Zweifel.

Aus diesem Grund wollte Şehriban, dass ihre Tochter das Gebetshaus (Cem haus/cemevi) besucht und die Liebe zu Hz. Ali und Ehlibeyt ihr Herz erfüllt.

Sie wollte Dilan nicht beeinflussen und zeigte daher nicht, wie sehr sie sich über die Entscheidung ihrer Tochter freute.

Es machte sie glücklich, dass Dilan mit zum Gottesdienst (Cem) kam und beim Semah mittanzte.

Am Abend machten sie sich auf den Weg.

Şehriban wollte ihre Tochter nicht nervös machen und verabschiedete sich vor der Tür.

Davor sprach sie ein kurzes Gebet auf "Lieber Gott, ich wünsche mir so sehr, dass meine Tochter wieder zum Gebetshaus kommt.

Bitte erfülle das Herz meiner Tochter mit Deinem Glauben und Deinem Weg."

Şehriban besuchte in der Zwischenzeit Fatma und Muharrem, die in der Nähe des Gebetshauses wohnten.

Gedanklich aber war sie bei ihrer Tochter.

Dilan wollte eigentlich nicht am rituellen Tanz, dem Semah teilnehmen.

Das Gebethaus lag auch nicht in ihrem Interesse.

Sie war eigentlich nicht ungläubig.

Als Kind kam sie ständig mit zum Gottesdienst.

Irgendwann verging ihr die Lust und sie langweilte sich im Gebetshaus.

Ihre Mutter konnte sie nicht mehr vom Gegenteil überzeugen.

Diesmal machte sie eine Ausnahme und bereitete ihre Mutter eine Freude damit.

Es wird das erste Mal und auch das letzte Mal sein, so hatte sie es geplant.

Sie wollte ihrer Mutter sagen, dass das Gebetshaus und das Semah nichts für sie sei.

Mit diesen Gedanken ging Dilan ins Gebetshaus.

Am Eingang traf sie die Jugendlichen, die bei der Cem Zeremonie, dem Gottesdienst der Aleviten, die 12 Dienste verrichteten.

Dazu zählen auch die Gruppe der Semah Tänzer.

"Hallo Dilan, herzlich Willkommen" sagte einer.

Dilan kannte ihn; es war Umut, ein ferner Verwandter aus ihrem Dorf.

Er gehörte auch zu den Jugendlichen, die beim Gottesdienst mitwirkten.

Umut war ein aktives Mitglied des Jugendrates.

Er wusste über Dilan Bescheid.

Şehriban hatte beim letzten Gottesdienst mit dem Dede (dem Geistlichen), darüber gesprochen.

Dilan war zwar fremd, fühlte sich aber nicht so.

Sie kannte noch einige Jugendliche außer Umut, wenn auch nicht beim Namen. 

"Der Semah Kurs fängt gleich an" sagte Umut.

Sie liefen gemeinsam zum Gebetsraum.

Vor der Tür zog Umut seine Schuhe aus, küsste die Türzarge symbolisch und lief über die Türschwelle, ohne sie zu berühren.

Dilan zog auch ihre Schuhe aus, lief ebenfalls über die Türschwelle, küsste aber die Türzarge nicht.

Sie sah sich im Raum um.

Ihr fiel der große Kronleuchter auf, der von der Decke hing.

Der Raum kam ihr diesmal viel heller und geräumiger vor.

Schüchtern folgte Dilan Umut, der zu den anderen ging.

Er küsste aus Respekt die Hand des Dedes, dem Geistlichen, der ihn widerum drei Mal abwechselnd auf die Wangen küsste.

Auch Dilan küsste ihm die Hand.

"Dede, das ist Dilan, die Tochter von Şehriban.

Sie hat Dir von ihrer Tochter erzählt.

Sie wird Semah tanzen und auch einen der 12 Dienste übernehmen."

"Herzlich willkommen Dilan" sagte der Geistliche.

Er hieß Ali Haydar, war 45 Jahre alt und der Geistliche des Gebetshauses.

Er war nicht nur für dieses Gebetshaus zuständig.

Ali Haydar Dede half überall wo es nötig war.

Durch seinen Glauben und seine schulische Bildung, die er hervorragend komprimierte, errang er eine wichtige Position in der Gesellschaft.

Vorallem die Jugendlichen liebten ihn sehr.

Er verstand ihre Sprache und konnte sich mit ihnen über den Glauben und über allgemeine Themen unterhalten.

Sein Wissen war sehr umfangreich und aufklärend. 

Die Jugendlichen hatten keine Hämmungen und waren sehr zufrieden mit ihm. 

Daher war er für die anderen Gebetshäuser und der Gesellschaft sehr von Bedeutung.

Ali Haydar Dede saß sich auf den Boden.

Die 12 Diensthabende folgten ihm.

Sie saßen im Kreis, so dass sich jeder sehen konnte.

Dilan war es nicht gewohnt auf dem Boden zu sitzen.

Sie brauchte einige Versuche, um die richtige Position zu erschwischen.

"Liebe Freunde, heute möchte ich mich mit Euch über den Glaubensdienst unterhalten.

Anschließend werden wir über die Wichtigkeit des Semah Tanzes reden.

Cafer Sadik kann dann für euch passende Lieder für euer Semah Tanz vorspielen.

Freunde, Ihr seit hier um Gott Euren Dienst zu erweisen.

Wisst ihr wie wichtig dieser Dienst überhaupt ist und was es eigentlich bedeutet?

Meistens unterstützt man kulturelle, sportliche, soziale und politische Institutionen, finanziell oder auch moralisch.

Beispielsweise, wenn jemand Mitglied einer politischen Partei wird, sich aktiv beteiligt, finanzielle Unterstützung leistet, eine leitende Position übernimmt.

Oder jemand wird Mitglied in einem Kultur- oder Sportverein, arbeitet ehrenamtlich als Vorstand oder Trainer, unterstützt die Institution finanziell oder moralisch.

All diese Tätigkeiten sind sehr wertvoll und auch sinnvoll.

Wir dürfen sie nicht unterschätzen und ausschließen.

Allerdings ist ein Einsatz in den alevitischen Vereinen oder Gebetshäusern viel wichtiger.

Warum denk Ihr ist das so?

Das Alevitentum ist der Weg Gottes, die letztgültige Wahrheit.

Dieser Weg führt uns zum Glück und zur Zufriedenheit.

Unser Ziel ist es, ein vollkommener Mensch (auf türkisch, ein insan-i kamil) zu werden.

Ein vollkommener Mensch befreit sich von jeglichen Formen und Formalitäten der Welt und widmet sich ausschließlich dem Glauben.

Jahrzehnte lang dienten die Gelehrten, die Heiligen diesem Weg und wurden dadurch vollkommen.

Das ist der Sinn des irdischen Lebens.

Zu verstehen, warum wir auf die Welt kommen und wieso unsere Seelen in einem Körper leben.

Nach dieser Erkenntnis bereichern wir unser Leben und unsere Sichtweise.

Ist es nicht wichtig, dem Glauben zu dienen, der uns zu vollkommene Menschen macht?

Daher ist es von hoher Bedeutung, hauptsächlich diesem Weg zu dienen und nebenbei andere Institutionen zu unterstützen.

Dem Weg zu dienen bedeutet nicht nur, in Gebetshäusern und alevitischen Vereinen tätig zu sein, nein.

Dazu gehören auch das Beten, die Kontemplation und die Weiterbildung.

All diese einzelnen Punkte bilden eine Einheit.

Diesem wertvollen Glauben zu dienen darf nicht als Arbeit gesehen werden.

An Gott glauben heißt mit Liebe, Freude, Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit dem Weg folgen und dienen.

Sich niemals über Andere beschweren, die wenig Bereitschaft dafür zeigen als man selbst.

Viel wichtiger ist Dein Dienst, Dein Einsatz, Dein Tatendrang, Deine Liebe.

Das Alevitentum ist ein Privileg, das man zu schätzen wissen muss.

Es ist ein hoher Dienst.

Kurzum, dieser Weg fordert ein ständiges Bemühen, um ans Ziel zu kommen.

Wir danken allen, die einen Dienst erweisen und erweisen werden".

Nach dieser Rede hebte Ali Haydar Dede seine rechte Hand und küsste sein Zeigefinger und legte sie auf sein Herz.

Als würde er dabei jemanden begrüßen.

Die Jugendlichen sagten wie aus einem Mund "Allah Allah".

Auch Dilan schloß sich dem an.

Anfangs hörte sie desinteressiert zu.

Als sie merkte, mit welchem Enthusiasmus, Willen und Freude Ali Haydar Dede sprach und mit welcher Begeisterung die Jugendlichen zuhörten, wurde sie aufmerksam.

Sie setzte sich aufrecht hin und spitzte die Ohren.

Noch nie zuvor hatte sie sich darüber Gedanken gemacht.

Sie war der Meinung, dass man einfach in ein religiöses Umfeld hineingeboren wird.

"Liebe Freunde, ich habe Euch versucht zu erklären, warum wir den Glaubensdienst verrichten.

Jetzt möchte ich mich etwas über den Semah Tanz unterhalten.

Ich sage zwar unterhalten aber ich höre nur mich reden".

Er lachte dabei.

"Freunde, Ihr habt sicherlich was beizutragen.

Oder meint Ihr, es dürfen nur Dedes reden?

Nein, so ein Dede bin ich nicht".

Jetzt mussten alle lachen, sogar Dilan.

Sie wunderte sich über die Stimmung im Gebetsraum; es war eine innige, familiäre Atmosphäre.

Inzwischen war sie auch locker und schämte sich nicht mehr.

"Nun gut, zuerst möchte ich sagen, dass der Semah Tanz kein gewöhnlicher Tanz ist, keine Folklore wie viele meinen.

Es ist eine Hingabe zu Gott.

Der Semah gehört zu einem der 12 Dienste.

Semah  ist eine Anbetung und Veehrung Gottes".

Als Dilan hörte, dass der Semah Tanz einen viel tieferen Sinn hatte als sie meinte, wollte sie sich zu Worte melden aber ließ es dann sein.

Ali Haydar Dede redete weiter "Ja, unser Semah Tanz ist kein Schauspiel.

Die Tänzer versuchen mit diesem Tanz, die Liebe und Hingabe zu Gott wiederzugeben.

Um es zu verstehen muss man die strömende Liebe spüren.

Die Tänzer geraten in Trance und drehen sich auf eigenem Wunsch, derweil dreht sich die Himmelssphäre auf Wunsch Gottes.

Der Mensch ist auf dieser unendlichen und grenzenlosen Welt ein winziges, sterbliches Wesen.

Wie es Imam Ali bereits zu sagen pflegte: „Wenn du dich erkennst, so ist das ganze Universum ein Punkt in deiner Seele, wenn du dich nicht erkennst, so bleibst du ein Punkt im Universum.“

Der Semah Tanz beruht auf diese Weisheit.

Er ist kein gewöhnlicher Tanz und keine Folklore mit kulturgeschichtlichem Aspekt. 

Er ist ein Teil des Gottesdienstes und gehört somit zu einem der Dienste, die erfüllt werden müssen.

Unsere Gottesdienste stehen für persönliches Glück und Respekt im Allgemeinen.

Zudem festigt er die Brüderlichkeit und das Gefühl der Einigkeit.

Genauso werden Streitigkeiten behoben und in folgedessen Frust und Ärger getilgt.

Letztendlich wird das Seelenleben vor Gott und der Gemeinde stillschweigend offenbart und im Herzen dieser Kraft gefolgt.

Es wird gelehrt, ein guter Mensch zu werden.

Damit es für Außenstehende verständlicher und sinnvoller wird, versuchen wir darauf detailliert einzugehen: Der Tanz ist mit religiösem Kontext und ritueller Ekstase verbunden.

Er wird immer kollektiv erlebt.

Die Tänzer drehen sich barfuß, rein, selbstlos und aufrichtig.

Die leuchtenden Gesichter der Dedes zeigen die Zufriedenheit mit dem Kirklar-Semah.

Kirklar bedeutet übersetzt 40er und deutet auf die verborgenen 40 Heiligen des Alevitentums.

Dieser Semah ist der Weg zur Weisheit, ein Schritt in Richtung Wahrheit und Reinheit.

Jedes gesungene religiöse Lied, jedes aufgesagte Gedicht wird durch die Tänzer verinnerlicht und versetzt sie in Ekstase.

Im übertragenen Sinne fliegen sie in Richtung Himmel wie Kraniche.

Die Tänzer geraten währenddessen in ekstatische Einheit.

Sie trennen sie sich dabei von der Realität und finden gemeinsam an den gegenwärtigen Ort wieder zurück.

Nur dieser seelische Zustand lässt den Semah Tanz verstehen.

Folglich erhält er somit auch das rechte Maß an Wert.

Ansonsten bleibt er in den Augen vieler nur die kulturgeschichtliche Folklore.

Dieser Kontext lässt verstehen, dass es noch viel mehr über den Semah Tanz zu sagen gibt.

Für heute reicht es".

Somit endete die Rede von Ali Haydar Dede.

Dilan war sehr überrascht und musste das Gehörte erst einmal verarbeiten.

Sie war rot im Gesicht.

Sie musste ständig an ihre Mutter und ihr Gebet denken.

Tatsächlich verspürte sie etwas eigenartiges, etwas, was ihr Herz schneller schlugen ließ.

In der Zwischenzeit nahm Cafer Sadik sein Saz in die Hand und fing an zu spielen.

Die Jugendlichen standen auf und formten einen Kreis.

Ganz vorne war Songül, gefolgt von Fadime, Umut, Dilan und den restlichen Tänzern.

Die Arme waren überkreuzt, die Häupter gesenkt.

Dilan zitterte leicht, ihre Hände schwitzten.

Warum saß sie nicht in einer Ecke, warum ist sie aufgestanden?

Es hatte sie keiner zum Tanzen gezwungen.

"Hü!" sagte Ali Haydar Dede, dann Cafer Sadik, mit einer unwahrscheinlich lauten Stimme, die nicht zu seiner Statur passte.

"In Gottes Namen, lasst uns im Kreis schreiten" (Yaradan aşkına bir semah edek).

Nachdem er das zum zweiten Mal wiederholte, sagten die Tänzer wie aus einem Mund "Hü!", streckten dabei den rechten Arm aus und setzten den ersten Schritt Richtung Himmel.

Dilan war wie in Trance; auch sie drehte sich nun im Kreis, als ob sie über jahrelange Erfahrung verfügte.

Sie verstand es selber nicht.

Ja, das war sie, Dilan.

Spürte sie ihre Füße?

Hatte sie festen Boden unter den Füßen?

Die Schritte, die Klagelieder, die Zwischenrufe, die Bilder, das Gewölbe, ....

Das Universum drehte sich ...

Dieser Zustand, diese Liebe, diese Ekstase, ...

All das kannte sie nicht.

Was war das?

Erlebte sie das tatsächlich?

Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft waren jetzt eine Einheit.

Alles war so deutlich auf einmal.

Alles drehte sich im Kreis; die Welt, das Sonnensystem, die Himmelssphäre, das Universum, .. Und Dilan war mittendrin.

Es war ein Moment, den sie niemals mehr missen wollte.

Während Dilan sich in ritueller Ekstase befand, sagte Ali Haydar Dede ein Gebet auf.

Şehriban betete indessen auch "Lieber Gott, lass das Herz meiner Tochter nur noch mit Deiner Liebe schlagen"

Remzi Kaptan

 


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