Unsere Vereine und ihre Probleme
Wir betrachten die vielfältigen alevitischen Bewegungen als Ganzes. Das Problem eines Aleviten ist demzufolge ein Problem aller Aleviten. In dieser Hinsicht werden wir alle Vereine, die unter dem Namen Alevi
entstehen und entstanden sind zusammenfassen und diskutieren.
Jeder gesellschaftliche Glaube kann nur mit der Institutionalisierung weiterhin existieren. Die Glaubensgemeinschaften, die nicht institutionalisiert werden konnten, haben nicht überlebt und werden weiterhin nicht
überleben. Im alevitischen Glauben gibt es für solch eine Institution die Dergahs. Ein Dergah ist in unserer heutigen Zeit mit einer hochmodernen Universität gleichzusetzen. Ein Schüler, bei den Aleviten auch
Talip genannt, der in einem Dergah mit seinem Ausbildung anfing, wurde je nach seinen Fähigkeiten mit dem damaligen Wissensstand hoch ausgerüstet. Obwohl ein Dergah meist als religiöser Wissensort fungierte,
wurden nicht nur die religiösen Fundamente gelehrt, sondern die Schüler wurden je nach ihren Fähigkeit zu Medizinern, Juristen,
Wissenschaftlern, Künstlern, Lyrikern , Architekten und Handwerkern ausgebildet. Dieses hochkarätige Bildungsniveau führte dazu, dass die Aleviten jahrhundertelang ihre Probleme und Bedürfnisse in den
Dergahs lösen und befriedigen konnten. In der alevitischen Bewegung gab es verschiedene Institutionen, doch die bedeutendste ist die Dergah. Leider ist in unserer heutigen Weltkonjunktur die Wiederbelebung und
Institutionalisierung der Dergahs nicht realisierbar. In der jüngsten alevitischen Bewegung treten an die Stelle von Dergahs die Vereine und mit diesen Vereinen wollen wir uns beschäftigen und ein paar
Anhaltspunkte fixieren.
Nach dem Massaker in Sivas kam es zu einer Revitalisierung des alevitischen Bewusstseins. Die Reaktion der Aleviten auf das Massaker von Sivas war sehr breit und mithilfe von Vereinen haben die Aleviten versucht,
sich zu organisieren. Die Unwissenheit über die Vereinsführung und die unproduktiven Vereinsvorstände führten zu einem drastischen Rückgang der Mitglieder und im Laufe der Zeit kam es zur Schließung von vielen
Vereinen. Das größte Problem in den alevitischen Organisationen ist jedoch das fehlende Personal, im Allgemeinen sind die Mitglieder des Vorstands nicht geübt in der Vereinsführung und sie nehmen ihren
ehrenamtlichen Job eher als Hobby wahr, statt das gesellschaftliche Bewusstsein zu fördern. Aus diesem Grund ist es zu einer Funktionslosigkeit der Vereine gekommen. Es gibt zwar heute immer noch viele Vereine,
aber diese dienen zum größten Teil als Karriereleiter für ein paar Schurken. Die Vereine tragen eine sehr große Verantwortung, denn sie sind die Anlaufstelle der Aleviten in religiöser sowie in sozialer
Hinsicht. Aber statt die Probleme der Aleviten zu lösen, wurden und werden die Vereine selbst ein Problem. Heutzutage ist fast auf jedem Fleck der Erde ein alevitischer Verein zu finden, doch der Zustand der
Vereine ist in den Strukturen ähnlich. Unsere bestens ausgerüsteten Vereine beschäftigen sich immer noch mit unproduktiven und unfortschrittlichen Themen.
Unsere Vereine werden entweder von politischen Organisationen gelenkt oder sie sind gesellschaftlich verwildert. Obwohl die Vereine unter dem Namen Alevi gegründet wurden, sollten sie in erster Linie den Aleviten
dienen und nicht die Rekrutierungsstelle von verschiedenen Organisationen sein.
In vielen Vereinen ist das Kartenspiel-Zimmer größer als der Cem Raum, die Männer spielen Karten, die Frauen lästern über andere, die Kinder demolieren aus Langweile ihre
Räumlichkeiten und die Jugendlichen kommen nicht mal durch die Tür, nachdem sie den geschilderten Bild der Mitglieder selber sehen. Die alevitischen Vereine sollten ein Anziehungspunkt sein, sie sollen den
Bedürfnissen ihre Mitglieder entsprechen können. Unsere Vereine sind keine Karten- und Rentnerclubs, sie tragen eine historische Verantwortung, denn sie vertreten das Alevitentum! Statt eine Anlaufstelle und ein
Anziehungspunkt für die Aleviten zu sein, sind die alevitischen Vereine eher abstoßend.
Um dieses abstoßende Verhalten zu verdeutlichen: Was ist mit den Menschen passiert, die vor 10 – 15 Jahren in den Vereinsvorständen waren und die auch dazu beigetragen haben, dass das alevitische Bewusstsein weiterhin besteht? Oder die, die von der Vereinsführung eher Kenntnis
haben, aber leider innerhalb eines Vereins die Macht dazu nicht haben? Wie viele Vereine haben Frauen in ihren Vorständen? Diese Personen, die zum Führungskader eines Vereins gehören sollten, wurden wegen diesem
und jenem von Vereinen entfernt.
Der Zustand unserer Vereine wurde oben geschildert, nun kommen Anregungen und Vorschläge unserseits:
- Man sollte den Alkoholkonsum, sowie Karten-, Brettspiele usw. verbieten. Falls ein Verein dies von heute auf morgen nicht schafft, dann sollte der Vorstand die Mitglieder mit der Zeit davon überzeugen und
diese Dinge dann verbieten.
- Die Vereine sind nicht als Karriereleiter und zur Befriedigung des Egos gedacht, sondern als soziale und religiöse Zentren.
- Die Vereinsmitglieder sollen die Personen zum Vorstand wählen, die sich auch mit dem Führen eines Vereins auskennen, man sollte aufhören nur seine Clanangehörigen
zu wählen, das ist sehr banal.
- Es sollte die Vorherrschaft von politischen Organisationen beendet werden, die Personen, die zu diesen Organisationen gehören, sollen in ihrem eigenen Feld tätig
sein und nicht in einem alevitischen Verein. Es sollten natürlich mit verschiedenen Organisationen Projekte durchgeführt werden, aber dabei darf das alevitische Bewusstsein nicht übersehen werden.
- Es spielt keine Rolle, dass man viele Mitglieder hat, sondern man muss die geleistete Arbeit und Beiträge an die Menschen in unserem Umfeld weitergeben. Diese
Arbeiten und Tätigkeiten sollten auf der alevitischen Lehre basieren.
- Die Vereinsaktivitäten dürfen nicht nur auf Folklore, Saz Kurse oder Kochkurse begrenzt werden, daher sollte die alevitische Lehre im Mittelpunkt der
Vereinsaktivitäten stehen.
- Es sollte ein großer Wert auf die Kinder und Jugendlichen gelegt werden. Die
Jugendlichen sind die Erben dieser Lehre, von daher sollten sich die Kinder und Jugendliche durch Bildung und alevitische Lehre weiterbilden.
- Mit den Institutionen, die eine demokratische Leitlinie haben und das alevitische Bewusstsein anerkennen und respektieren, könnte man gemeinsame Projekte durchführen
und weiterhin zusammenarbeiten.
Von Remzi KAPTAN
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