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Historische Halbwahrheiten

An dieser Stelle sollen noch mögliche Mißverständnisse aus dem Weg geräumt werden, die alevitischer Geschichtsschreibung eigen sind. Sie resultieren aus Mangel an authentischer Forschung und teils ideologisierter Schuldzuschreibung.

Die safavidische Orientierung zur extremen Schiia ist von langer Hand vorbereitet worden. Halm weist darauf hin, daß die neue Bekenntnis keineswegs reibungslos vonstatten ging, weil die Bevölkerung Irans (so auch Afghanistans und Zentralasiens) überwiegend sunnitisch gewesen ist und Anfang des 16.Jahrhunderts in Iran keine theologisch-juristische Tradition zur Zwölferschiia existiert habe; bei Ismails Inthronisierung habe sich gerade mal ein imamitisches Buch auftreiben lassen.

Vielfach kommt insbesondere in alevitischen Publikationen den Osmanen dieser Zeit eine Saulus-, den Safaviden hingegen die Paulusrolle zu. Es ist unbestreitbar, daß die turkmenischen Aleviten diesen näher standen. Allein die Gemeinsamkeit der Zwölferschiia-Verehrung machte sie zu Verbündeten, die Safaviden legten mystische Elemente erst später ab. Nichtsdestotrotz bleibt zu berücksichtigen, daß beide Seiten im Gerangel um Macht und Territorium die Volksmassen auf sich zu vereinen suchten. Die Loslösung von den ehemaligen Verbündeten ist ein eindeutiges Indiz dafür. Waren sie zweihundert Jahre zuvor nach Aufstellung eines stehenden Söldnerheeres von den Osmanen ausgestoßen worden, so verfuhren die Safaviden nach Errichtung des Nationalstaats in selber Weise.

Die Gleichsetzung von Safaviden und Kizilbas ist eine osmanische Tradition, wobei die Bande beider auf alevitischer Seite apostrophiert, auf osmanischer Seite stigmatisiert, die Differenzen hingegen geflissentlich verschwiegen werden. Kizilbas waren mehrheitlich Turkmenen, die Identifikation mit ihnen bedurfte (rein äußerlich) der roten Kopfbedeckung, nichtsdestotrotz läßt sich mitnichten auf Quellen stoßen, die nahelegen würden, daß die Zugehörigkeit an konfessionelle oder ethnische Kriterien geknüpft wäre. Roemer zufolge könne man die Kizilbas-Bewegung keineswegs „als eine ausschließliche turkmenische Leistung bezeichnen. Nicht jeder Stammesangehörige war ipsi facto Qizilbaš, sondern nur derjenige, der sich zu der Bewegung bekannte und durch die Verleihung der rotzwickligen Kopfbedeckung als deren Mitglied aufgenommen wurde. Dazu mußte man nicht unbedingt turkmenischer Abstammung sein. Es hat auch nichtturkmenische Qizilbaš gegeben, z.B., iranische wie Ism?’ils berühmter wakil (Stellvertreter; Anm. des Verf.) Nagm-i sani oder kurdische wie der ?igani. Allerdings waren nichtturkmenische Qizilbas nicht nur in der Minderheit, sondern seltene Ausnahmen.“ Daß ihre militärische Schlagkraft das Safavidenreich begünstigte, bedeutet nicht, daß die Staatsgründung eine ausschließlich turkmenische Leistung gewesen ist. Schah Ismail, Enkel des Akkoyunlu-Führers Uzun Hasan, war auf mütterlicher Linie selbst Turkmene.

Wie sehr beim ehemals mystischen Sufi-Orden und der heimischen Bevölkerung Animositäten gegen die Turkmenen verbreitet waren, mag durch folgende Passage unterstrichen werden: „Im 13.Jahrhundert folgten Cingiz-Han und seine Nachkommen, in deren Gefolge viele türkische Stämme waren. [...] Im Verlauf dieser Invasionen kamen zahlreiche türkische Scheiche (türkisch: baba, dede) nach Westen, im 13.Jahrhundert häufig als Qalandar- und Yasavi-Derwische. Ihr Wirkungskreis lag vor allem bei den türkischen (und mongolischen) Nomadenstämmen und der –halb oder ganz seßhaften– Landbevölkerung, bei denen sie großen Einfluß hatten. [...] Sie vertraten einen mystisch gefärbten Islam álidischer Prägung, der den nationalen Sitten und Traditionen der Türken sowie ihren althergebrachten religiösen Vorstellungen, die in islamischem Gewand weiterlebten, angepaßt war. Nachlässig in der Befolgung der ?ari’a, sollen sie im Auftreten und in der Ekstase Schamanen geähnelt haben. Die orthodoxen städtischen Kreise –Sunniten wie Schiiten, die beide Gehorsam gegenüber der ?ari’a fordern– mußten in ihnen und ihren Anhängern Häretiker sehen. Ebenso standen ihnen städtische Mystiker –wie die frühen Safaviden– ablehnend gegenüber. Sie sahen in ihnen nicht nur unerwünschte Rivalen, sondern hielten die von ihnen vertretene Form des Islam ebenfalls für Häresie. Den städtischen Kreisen war diese Art der türkischen Scheiche stets verdächtig, und die Schilderungen über sie sind demgemäß nachteilig.“

Sohrweide geht weiter in die Tiefe, die Schilderungen sind tatsächlich aversiven Charakters und oftmals von Schuldzuweisungen blasphemischer und häretischer Art sowie Unmoral gekennzeichnet. Dazu führt die Autorin aus: „ Zur Zeit der frühen Šafaviya müssen die Qalandar-Derwische sehr aktiv gewesen sein. Das Faust?t, eine Quelle aus dem Ende des 13.Jahrhunderts, schildert ihre für einen guten Muslim anstößige Lebensweise. Sie verrichteten die vorgeschriebenen Gebete nicht, tränken Wein, frönten dem Haschischgenuß, hielten die Fastenzeit im Ramaz?n nicht ein und brächten die Kinder der Muslime vom rechten Weg ab.“

Auch die Stellung der Frau scheint sowohl Sunniten als auch Schiiten ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Frauen sind weitaus freier und verhüllen sich nicht, den Sam?-Tanz, noch heute wichtigste Initiation des alevitischen Ayin-i Cem-Rituals, verrichten sie gemeinsam. Das sind nicht die einzigen Merkmale, auch im Krieg ziehen Frauen zu Felde, den Männern sollen die Turkmeninnen Berichten eines Bertrandon de la Broquière zufolge im Kampf ebenbürtig gewesen sein. “Italienische Reisende erzählen [...] dasselbe von den Aq Qoyunlu-Türkmenen aus der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts. Im 16./17. Jahrhundert, unter den Safaviden, deren Heeresmacht sich zum großen Teil auf Türkmenen (Qizilbaš)-Stämme stützte, war es ebenfalls Sitte, daß die Frauen den Truppen ins Feld folgten. So fielen nach der berühmten Schlacht bei ?aldiran im Jahr 1514 den siegreichen osmanischen Truppen, als sie in das persische Lager eindrangen, viele Frauen in die Hände.“

Dieser kurze Abriß mag zur Aufhellung der tatsächlichen Beziehungen genügen. Es bleibt festzuhalten, daß die konfessionelle Affinität auf Rudimente basiert, die Glaubensinhalte hingegen unterschiedlich akzentuiert sind. Im Kontext dieser Arbeit bedeutet es zugleich, daß die Turkmenen, späteren Kizilbas und heutigen Aleviten mit der ihnen spezifischen Religionsauffasung und ihrem Beharren auf traditionelle Wertvorstellungen zwar Standhaftigkeit bewiesen und dafür die Gunst ihnen auf dem Level des kleinsten gemeinsamen Nenners nahe stehenden Fürsten suchten, im Gegenzug aber Zeit ihrer Geschichte von rivalisierenden Machthabern als Kanonenfutter eingesetzt wurden.

 


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