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Religionspolitik

Im vergangenen Jahr erhoben Aleviten Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie fordern, von der Teilnahme am sunnitisch orientierten Religionsunterricht befreit zu werden. Eine andere Forderung der türkischen Aleviten ist außerdem, dass ihre Gebetsstätten, die Cem Evleri, als solche anerkannt und mit denselben Privilegien ausgestattet werden, wie auch Moscheen.

Die Diskussion gewann eine zusätzliche Dimension, als im Zuge des EU-Fortschrittsberichts vom Oktober vergangenen Jahres die Frage aufkam, ob die Aleviten in der Türkei den Status einer anerkannten Minderheit anstreben sollten oder nicht.

Im Hinblick auf die laufende Klage vor dem Menschenrechtsgerichtshof meldete die Tageszeitung Radikal am 2. Februar, dass zwischen türkischen Ministerien zur Zeit die Abstimmung über die Verteidigungsschrift stattfinde. Das Bildungsministerium vertrete dabei die Position, dass der Religionsunterricht durch die Verfassung zwingend vorgeschrieben sei. Eine Freistellung für Aleviten sei darum nicht möglich. Das Außenministerium vertritt der Nachricht zufolge die Auffassung, man müsse das türkische Rechtssystem verteidigen und auf die türkische Verfassung verweisen.

Einige Zeit zuvor hatte der Präsident des Amtes für religiöse Angelegenheiten erklärt, man könne die Aleviten nicht als eine eigene Religionsgemeinschaft anerkennen. Sie seien Teil des Islam. Ihnen einen Sonderstatus zuzumessen, verstoße gegen die grundlegenden Prinzipien der Republik, wobei er auf das Gesetz über die Aufhebung islamischer Orden (tarikat) verwies.

Eine andere diesbezügliche Nachricht findet sich in den Zeitungen vom 4. Februar. Das Landratsamt Çankaya (Ankara) wies den Antrag eines Vereins zur Errichtung eines Cem Evi auf Bereitstellung eines Grundstücks zurück. Für die Entscheidung sei die Haltung des Präsidiums für religiöse Angelegenheiten maßgeblich gewesen. Dieses erklärt zu der Frage, dass die Moschee, unabhängig von der Konfession, die gemeinsame Gebetsstätte aller Muslime sei und ordnet die Cem Evleri in die Tradition der Tekke (islamische Ordenssstätte, Kloster) ein.

In einer Reaktion erklärte der Vorsitzende der CEM-Stiftung Izzet Dogan, dass Moschee und Cem Evi keine Alternativen seien und rief sunnitische Muslime auf, die Cem Evleri zu besuchen und sich davon zu überzeugen, dass die historischen Vorurteile unberechtigt seien. Zugleich rief er auch Aleviten auf, die Moscheen zu besuchen und als Orte der Andacht zu nutzen.

Trotz der Ankündigung des Amtes für religiöse Angelegenheiten, zentrale Schriften des Alevitentums im Rahmen ihrer Schriftenreihen herauszugeben, ändert sich damit zunächst nichts an zentralen Problemen: Es ist kaum anzunehmen, dass Aleviten ihre Lithurgie in einer Moschee durchführen können. Die Ausbildung religiösen Personals an den sunnitisch orientierten Fakultäten für Religionswissenschaft an türkischen Universitäten erscheint ebenfalls schwierig. Zugleich bleibt noch das Problem, dass für den sunnitischen Islam Personal vom Staat gestellt wird und die Moscheen von der Zahlung von Strom- und Wasserentgelten freigestellt sind, dies jedoch für die Aleviten nicht gilt. Und auch der Religionsunterricht ist aus alevitischer Sicht nicht geeignet, die eigene Auffassung von der Lehre des Islam wiederzugeben.

Wenn das Bildungsministerium die Auffassung vertritt, dass der Religionsunterricht durch die Verfassung vorgeschrieben ist, so stellt sich natürlich grundsätzlich die Frage nach seinem Charakter - ein Problem, das im übrigen auch in Europa nicht abschließend gelöst, sondern nach wie vor Thema heftiger Diskussionen ist. Hier stehen sich Konzepte wie ein "Ethik-Unterricht" dem "Bekenntnis-Unterricht" gegenüber, wobei letzterer im Grunde durch die Religionsgemeinschaften selbst vermittelt werden sollte. Es wird sich zeigen, ob eine ähnliche Diskussion auch vom türkischen Bildungsministerium aufgenommen wird oder ob man es bei der Verteidigungsschrift für den Menschenrechtsgerichtshof beläßt.

Verschärfte sich jedoch der Konflikt zwischen Staat und Aleviten, so würde der Druck auf eine Reform der Religionsverfassung der Türkei wachsen. Schließlich drängen insbesondere die türkischen Christen seit Jahren auf eine Verbesserung ihres Rechtsstatus und erhalten dabei zunehmend Unterstützung seitens der EU. Doch eine neue Religionsverfassung müßte auch das Verhältnis zwischen dem Staat und der Mehrheitsgemeinschaft, den Sunniten, neu bestimmen. In welchen Strukturen dies geschehen könnte, wird zur Zeit jedoch kaum öffentlich diskutiert.

Istanbul Post vom 7.02.2005


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