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Die gesellschaftliche Rolle der Bektasi-Klöster

Die Macht der Bektasi-Klöster im osmanische Reich war immens, allein die Verbundenheit der elitären Yeniçeri-Armee mit dem Orden verschaffte ihnen massiven Einfluß am Sultanshof. Die Yeniçeri selbst bildeten zeitweise einen Staat im Staate. Sener beruft sich auf historische osmanische Quellen, wenn er behauptet, daß sie gar in der Lage waren, das Staatsoberhaupt nach Gutdünken zu ersetzen. Die Ermordung von Sultan „Genç Osman“ wird ihnen zugeschrieben; ihre Macht wurde als zeitweilig gefährlichster Instabilitätsfaktor des Reiches ausgelegt.

Mélikoff macht die Unterschiede zwischen Bektaschiten und Kizilbas an der sozialen Herkunft fest. Die Bektasi sind seßhaft und städtisch geprägt, sie weisen einen hohen Bildungsgrad aus; recht früh errichten sie im gesamten Reich soziale und religiöse Netzwerke, während die immigrierten Aleviten lange Zeit an der nomadischen Lebensweise festhalten. Brandenburg und Luschan führen in ihren Beobachtungen aus, daß die Kizilbas über Sommerdomizile verfügen, die sogenannte „Jaillah-Einrichtung“ (türkisch: Yayla), während sie im Winter die „Kischlah“ (türkisch: Kisla) bevorzugten.

Die Bektasi werden von Orthodoxie trotz ihres Einflusses mit Mißmut beäugelt, schließlich handelt es sich um einen schiitisch geprägten Sufi-Orden, der neben der Anpreisung der Zwölferschiia auch pantheistische Elemente beherbergt. Kissling führt dazu aus: „Der islamische Derwisch nimmt keinen Anstoß, den pantheistischen Allgottbegriff haqq mit dem orthodoxen Begriff allah zu vermengen, indes der strenge Orthodoxe sie peinlich unterscheidet. Der Gedanke der Unio mystica ist auf monotheistischer Basis undenkbar, da der monotheistische Gott außerhalb seiner Schöpfung, also zu ihr im Gegensatz steht.“ Da eine Einswerdung nur mit wesensgleichen Dingen möglich ist, wurde ihnen offen Ketzerei unterstellt.

Trotzdem der Hochislam mystische Elemente weitestgehend verdrängen konnte, stieß der Sufismus auf fruchtbaren Boden. Kissling führt dies auf alte Gepflogenheiten zurück, der Heiligenkult habe sich auf dem Gebiete des Osmanischen Reiches eine Heimstätte auch im Islam auf dem Wege über das Gewohnheitsrecht, die „adah“, erzwungen. „Es ist ja nicht so, daß eine siegreich einbrechende Religion die unterlegene Religion über Nacht vom Erdboden verschwinden läßt. Vielmehr geht hier unbewußt ein synkrenistischer Prozeß vor sich. Alte Vorstellungen leben im neuen Gewande fort, und zwar gerade beim Volke, während dieses Fortleben der alten Vorstellungen etwa im System der neuen Hochreligion nur in Form lauer Kompromisse möglich ist.“ Die bigotten Wortführer nehmen die Kapitulation des Hochislam unter der Prämisse in Kauf, daß den Derwischen allenfalls eine Vermittlerrolle zukommt.

Die Derwischorden waren für die Aleviten zweifelsohne lebenserhaltend, weltliche Herrscher zollten ihnen großen Respekt und vermochten den Derwischen nur durch die Hintertür Schaden zuzufügen. Ihre Machtsphäre erstreckte sich über ganz Anatolien bis hin zum Balkan, diese existieren vereinzelt bis zum heutigen Tage. Fest steht, daß in der Bevölkerung trotz aller Diffamierungen Sympathien zum mystischen Islam gehegt wurden. Ihre tatsächliche Macht über die Masse des Volkes hat sich in der Geschichte des osmanischen Reiches mehrfach erwiesen. Mannigfach treten die Derwische als Führer und Hetzer bei inneren Unruhen und Aufständen auf, überall haben sie die Hand im Spiel, weil sie den Bedürfnissen der Massen näherkommen als die Orthodoxie mit ihren abstrakten Lehrsätzen, „mit denen man die Lage nicht änderte. Aus ihren geistig erstarrten Reihen konnten keine neuen Ideen mehr hervorgehen und konnten sich daher auch keine neuen Menschenbeglücker rekrutieren. Solche konnten nur aus Derwischkreisen entstehen, man denke nur daran, daß etwa der Aufstand des berühmten Bedr ed-Din b. Quadi Samavna auch nichtmuslimische Parteigänger hatte und das es des vollen Einsatzes aller staatlichen Machtmittel bedurfte, um die rabiaten Derwische niederzuzwingen.“
 

 

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