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ISLAM / NACH JAHRHUNDERTEN DER VERFOLGUNG BRINGT EUROPA DEN ALEVITEN NEUE HOFFNUNG
Das lange Warten auf Gerechtigkeit
In den Kulturvereinen der Glaubensrichtung werden Toleranz und westliche Werte gelehrt
Nihat Özdemir erinnert sich noch gut an seine Kindheit in Ostanatolien. Als Männer auf Hausdächern Wache hielten, um Überfälle auf sein Dorf zu verhindern. 20
Millionen Aleviten warten in der Türkei bis heute auf Gleichberechtigung. Ihre Zukunft sehen sie deshalb in Europa.
Hikmet Arslan, Vorsitzender des Alevitischen Kulturvereins in Neuffen im Kreis Esslingen, und Nihat Özdemir, sein Sprecher, sind stolz: "Der Verein ist
eine große Familie", sagen sie über die 108 Mitglieder, die zwischen den Ausläufern der Schwäbischen Alb und dem Großraum Stuttgart alevitisches Leben pflegen. Bei Tee und Kaffee werden Nachrichten und
Fußball-Ergebnisse diskutiert, vor allem aber spielen Kultur und Glaube der muslimischen Aleviten eine große Rolle. Hier lernen die Kinder Respekt und Liebe zu allen Menschen, Toleranz gegenüber anderen Religionen
und das demokratische, humanistische Wertesystem westlicher Prägung.
Ganz so, wie es der Literat und Gelehrte Ali gefordert hat, der 598 in Mekka geborene Wegbereiter des Islam. Im Gegensatz zu den Sunniten,
die die Mehrheit in der Türkei stellen, glauben die Aleviten an ihn als den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds, der sein Schwiegervater war. Ein Glaube, der ihnen jahrhundertelange Verfolgung gebracht hat.
"Diese Verfolgung war bis in unsere Zeit hinein dramatisch. Viele haben sich nicht als Aleviten zu erkennen gegeben", sagt Hikmet Arslan.
Die Aleviten stammen traditionell aus den ostanatolischen
Siedlungsgebieten und sind politisch der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie verbunden. Männer und Frauen sind völlig gleichberechtigt, Fundamentalismus lehnen sie ab. Wissen und Bildung sind ihnen wichtig.
Ihre religiösen Zusammenkünfte finden nicht in der Moschee, sondern in so genannten Cem-Häusern statt. Auch heute noch müssen sie sich in manchen Gegenden der Türkei heimlich treffen. Um ihre Interpretation des
Islam überhaupt ausüben zu können, haben sie Kulturvereine gegründet.
Der Vater von Hikmet Arslan war einer der ersten Türken aus Ostanatolien, der im Neuffener Tal Arbeit fand. Das war 1963. Und weil damals
die Arbeitgeber noch händeringend nach guten Arbeitern suchten, holte Hikmet Arslans Vater nicht nur die Familie nach, sondern auch fleißige Leute aus seinem alevitischen Dorf. Genau so, wie später andere Aleviten
wiederum Landsleute in die Fremde holten. Heute leben schätzungsweise 700 000 Aleviten in Deutschland.
Die alevitischen Kulturvereine außerhalb der Türkei entstanden erst viel später. 1987 wurde in Köln der
erste in Deutschland gegründet, 1988 in Filderstadt-Bernhausen der erste in Baden-Württemberg. Das Gros der Vereine und deren festere Strukturen kamen erst später. Nach dem 2. Juli 1993. Jenem Tag, der bis heute
eine tiefe Wunde in das Herz eines jeden Aleviten geschlagen hat. Der Tag, an dem in der osttürkischen Stadt Sivas ein Anschlag auf ein alevitisches Kulturfestival verübt wurde, der 37 Menschen in den Tod riss:
Dichter, Denker, Liedermacher, die geistige Elite der Aleviten.
Massaker als Wendepunkt
Das Sivas-Massaker wird zum Wendepunkt für die Aleviten: Sie organisieren sich besser, wehren sich gegen
Ungerechtigkeit und entwickeln ein neues Selbstbewusstsein. "Jeder hat erwartet, dass die Aleviten zu den Waffen greifen. Aber genau das haben wir aus Überzeugung nicht getan. Wir verabscheuen Gewalt. Wir sind
vor Gericht gezogen", blicken Arslan und Özdemir zurück. Bis heute bleiben die Umstände des Massakers im Dunkeln. Einer der Drahtzieher wurde in der Türkei zwar verurteilt, lebt aber unbehelligt in Mannheim und
betreibt dort einen Döner-Laden. Die Türkei beantragte bislang keine Auslieferung, Deutschland sieht keine Veranlassung zu handeln.
Die Angst haben die Aleviten nie ganz abgelegt. Auch in Deutschland nicht.
Die jahrhundertelange Verfolgung hat sie gelehrt, dass ihre Gleichberechtigung zerbrechlich ist, sie mit den jeweils Regierenden steht und fällt. Dem türkischen Staatsgründer Kemal Atatürk sind sie verbunden, haben
seine Politik stark unterstützt. Denn er gewährte ihnen gleiche Rechte, die nach dessen Tod wieder entzogen wurden. Noch heute darf das Wort "Alevi - Alevit" nicht offiziell verwendet werden, weshalb die
Vereine in der Türkei als Kulturstiftungen ausgewiesen sind. "Wir sind als Religionsgemeinschaft nicht anerkannt, obwohl wir fast 30 Prozent der Bevölkerung stellen", beklagt Nihat Özdemir. Auch in
Staatsämtern sucht man vergeblich nach Aleviten.
Während die Aleviten in ihrer Heimat noch um gleiche Bürger- und Religionsrechte kämpfen, haben sie in Deutschland in Sachen Islamunterricht einen kleinen Sieg
errungen: Seit drei Jahren darf in Berlin alevitischer Religionsunterricht stattfinden, und auch in Baden-Württemberg hat man die Aleviten in die Gespräche mit dem Kultusministerium einbezogen.
Die große
Hoffnung der Aleviten heißt freilich Europa. Denn sollte der Weg der Türkei in die EU führen, könnten die Aleviten gleiche Rechte für ihre Religionsgemeinschaft durchsetzen. "In der EU würde es für alle
Minderheiten mehr Freiheit geben", sind sich Hikmet Arslan und Nihat Özdemir sicher. "Dagegen wäre eine Hinwendung der Türkei zum arabischen Raum für uns eine Katastrophe." Die Föderation der
alevitischen Gemeinden in den europäischen Staaten hat deshalb zu Beginn der Beitrittgespräche Anfang Oktober nochmals an die EU appelliert, die Türkei nicht auszuschließen.
VON CAROLA EISSLER
Bietigheimer Zeitung ARTIKEL VOM 23. NOVEMBER 2005
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