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Die Aleviten, eine wenig bekannte Glaubensgemeinschaft

15.01.1998: aus: Kreuzberger Stachel 125, Januar 1998

Die Menschen aus der Türkei werden hierzulande i.d.R. undifferenziert als Türken und/oder als Muslime angesehen, daß obwohl die Türkei ein Vielvölkerstaat ist und ihre Bürger vielen unterschiedlichen Religionen und Konfessionen angehören. Dabei wird in der Regel der Islam als die einheitliche Religion angesehen.

In Wahrheit gruppieren sich die Muslime in viele verschieden Konfessionen und Sekten, die Konflikte untereinander sind mitunter größer als zu anderen Religionen. Die dominante orthodoxe Gruppe im Islam ist die der Sunniten, die bedeutendste heterodoxe Gruppe in der Türkei ist die der Aleviten. Die Ursachen für die Spaltungen im Islam reichen zurück bis hin zu den frühen Jahren des Islam. Nach dem Tode des Propheten Mohammed im Jahre 632 entbrannten viele Konflikte um die Nachfolge des Propheten. Die Einheit des Islam brach zusammen, die Muslime spalteten sich in zwei große Gruppierungen: Die Sunniten und die Schiiten. Beide Gruppen gliederten sich in weitere Untergruppen. Als Folge der Spaltungen in Konfessionen und Sekten, ist heutzutage ein Überblick kaum noch möglich. Allgemein können sie, unabhängig von der Konfession in zwei Kategorien eingeordnet werden: Erstens die Gruppierungen die der Scheria folgen (Buchreligion), zweitens die mystisch-sufistischen Gruppierungen (Volksreligion) so z.B. die Aleviten.

Das Sunnitentum war jahrhundertelang Staatsreligion des theokratischen Staaten der Seldschuken und der Osmanen, vor Gründung der heutigen Türkei in 1923. Im Vergleich dazu ist der anatolische Alevitum ein Ergebnis der Konfrontation und der nachfolgenden Verschmelzung zwischen anatolischem und türkisch/kurdischen Brauchtum sowie dem Islam. Der Glaube der anatolischen Aleviten enthält u.a. altiranische, altanatolische darunter auch altchristliche, vor allem aber schiitisch-islamische und schamanitische Elemente. Der heutige Alevitum der Türkei formte sich zwischen den 12. und 16. Jahrhundert. Dabei war der Alevitum in der Geschichte Anatoliens nicht nur eine Alternative zum sunnitischen Islam, sondern auch die Antwort auf die Politik der Herrschenden. So gesehen ist das Alevitum nicht nur ein Glaube, sondern eine Lebensphilosophie, ein Prinzip des Denkens und Handelns.

Die Aleviten erkennen Judentum und Christentum sowie deren Propheten und Bücher als gleichwertige Offenbarungen an. Daher gibt es im alevitischen Glauben starke synkretische Elemente aus jüdisch-christlichen Traditionen. Auch die Vorstellung von der Vergöttlichung des Menschen in der vom Neoplatonismus sehr stark geprägten islamischen Mystik gewinnt bei den Aleviten eine herausragende Bedeutung, so daß die Idee einer prinzipiellen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen im Glauben anerkannt wird. Die allgemein bekannten ethischen Gebote vieler Religionen, wie ‘nicht zu stehlen, ‘nicht zu töten’ u.v.a. stehen auch bei den Aleviten im Vordergrund ihres Glauben. Doch nicht die Einhaltung der religiösen Grundsätze allein, sondern das gesamte Leben selbst ist Kriterium für die alevitische Gläubigkeit. Das gesellschaftliche Leben ist wichtiger als die Befolgung der rein religiösen Riten wie z.B. zur Moschee zu gehen, fünfmal am Tag zu beten, fasten, oder die Pilgerfahrt nach Mekka. Ferner können die Gleichberechtigung von Mann und Frau, der Gedanke der Toleranz, eine umfassende Menschenliebe und das Bekenntnis zum Laizismus und Demokratie als wichtige Merkmale der alevitischen Glaubenslehre und Lebensweise genannt werden. Anstelle des Koran gilt der "Buyruk" (das Gebot) als die Quelle des Glaubens, in dem die alevitische Lehre und der Weg, dem die Aleviten folgen sollen, beschrieben ist.

Der Anteil der alevitischen Bevölkerung in der heutigen Türkei wird mit 1/3 (ca. 20 Mio.) angegeben, wobei die Aleviten bezüglich der ethnischen Herkunft eine heterogene Gruppe darstellen. Genaue Zahlen hierzu existieren nicht, weil die alevitische Glaubenslehre bis vor kurzem vom Staat und der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung geleugnet wird/wurde. Während Christen und Juden als Folge des Lausanner Vertrages von 1923 offiziell als religiöse Minderheiten anerkannt sind und ihre eigenen Gebetsstätten

Ali, Symbolfigur der Aleviten (Schwiegersohn des Propheten Mohammed) haben, wird das Alevitum als eine Sekte eingestuft und fällt somit unter das in der Türkei geltende Sektenverbot. Das ist u.a. einer der Gründe weshalb die Aleviten bis zur jüngsten Gegenwart keine Unterstützung vom Staat bekamen und keine Gebetshäuser, Institutionen o.ä. errichten durften. Aufgrund ihrer weltoffenen Lebensweise und ihrer Kultur waren Aleviten seit eh und je ein Dorn im Auge der Herrschenden sowie die Mehrheit bildenden Sunniten. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Trauriger Höhepunkt des ablehnenden Verhaltens, der Feindschaft war das Massaker in Sivas, einer mittelanatolischen Stadt am 02.07.1993. An diesem Tag wurden 37 Menschen am lebendigem Leibe, eingesperrt in einem Hotel nach stundenlanger Belagerung (8 Stunden) trotz Polizei und Militär, durch islamische Fanatiker verbrannt. Unter den Toten waren viele KünstlerInnen, AutorInnen und junge Menschen die anläßlich eines alevitischen Kulturfestivals in der Stadt zusammenkamen, unweit des Geburtsortes von Pir Sultan Abdal, einem bedeutendem alevitischen Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert. Derartige Anschläge auf Aleviten sind in der jungen Geschichte der Türkei leider keine Seltenheit. Städtenamen wie Sivas, Kahramanmaras, Çorum, Malatya und auch Gaziosmanpasa-Istanbul sind Synonyme für jüngste Massaker an Aleviten.

Trotz der Tatsache, daß in Deutschland schätzungsweise 600.000 Aleviten leben, ist die alevitische Lehre hierzulande kaum bekannt. Die Publikationen über den Islam nahmen in den letzten Jahren zwar zu, sie beziehen sich jedoch fast ausschließlich auf den sunnitischen Islam und versuchen die soziale und religiöse Entwicklungen allein durch die sunnitische Lehre zu erklären. Um die soziale und politische Lage der Aleviten zu verstehen, muß jedoch ihre religiöse und kulturelle Lehre berücksichtigt werden. Ihre Förderung wäre ein wichtiger Beitrag zum multikulturellen Leben in Deutschland. Im europäischen Ausland, insbesondere in Deutschland erleben die Aleviten seit dem Massaker von Sivas ihre Renaissance, ‘die freiheitlich demokratische Grundordnung’ erlaubt es ihnen ohne Furcht vor Repressalien und Ausgrenzung, sich zu ihren Glauben zu bekennen. Dieses Phänomen wird besonders bei der alevitischen Jugend deutlich, welche als Ausdruck ihres Glaubens den "Zülfikar" (Alis Schwert, Symbol der Aleviten) an einer Kette am Hals tragen, oder vermehrt Saz-Kurse (ein Seiteninstrument) besuchen. Die Saz stellt ein traditionelles und zugleich wichtiges Musikinstrument bei den Aleviten dar. Da das Bekenntnis zur alevitische Lehre und Glauben in den vergangenen Jahrhunderten, bis hin zur heutigen Zeit verboten und sogar lebensgefährlich war, haben die Aleviten ihren Glauben über die Dichtkunst sowie der Musik an ihre Nachfahren weitergegeben. Dabei spielten die sogenannten Asik`s (eine Art Volkssänger) eine wesentliche Rolle. In der Türkei sind CD`s und Kassetten von einigen Asiks inzwischen regelrechte Besteller.

Die Zahl der in Berlin lebenden Aleviten wird zwischen 40.000 und 50.000 beziffert. Auch in Berlin besitzen die Aleviten keinen festen Ort (Cem-Evi) oder ähnliche Institutionen wo sie zusammenkommen können. Es existiert lediglich eine Initiative des "Kulturzentrums der anatolischen Aleviten" ein Cem-Evi, eine Art Kulturhaus und Gemeinwesenzentrum der Aleviten, zu errichten. Dabei wird als Ort Kreuzberg bevorzugt, weil die meisten Berliner Aleviten in Kreuzberg leben.

Özcan Mutlu

 


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